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Krise: In Serbien grassiert die Armut - erster Sozialmarkt öffnet in Belgrad

In der Bevölkerung Serbiens wachsen die Spannungen. Auch der kleine Mittelstand ist vor dem Absturz in die Armut nicht gefeit. Sozial-Supermärkte sollen die aufgeheizte Stimmung beruhigen.

Schon am frühen Morgen drängen sich vor den Pforten des neu eröffneten Lebensmittelmarkts an einer Ausfallstraße der serbischen Hauptstadt Belgrad die Kunden. Er habe sich den Berechtigungsschein zum SOS-Einkauf gegen Vorlage seines Rentenbescheids am Vortag besorgt, erzählt ein Mann. Im Durchschnitt seien die Waren im neuen Markt fast ein Viertel billiger als normal, erklärt der Pensionist, warum er für den Kauf von Suppenpulver und ein paar Konserven fast die ganze Stadt durchkreuzt: „Als Rentner muss ich inzwischen einfach jeden Dinar umdrehen.“ Sorgfältig und still studieren die Kunden die Preisschilder, laden sich Zehn-Kilo-Mehlsäcke, Kartoffeln und Ölflaschen in die Einkaufskörbe.
 
Um 50 Prozent billiger

Ob Brot oder Zucker, Milch oder Butter: Um bis zu 50 Prozent billiger als im normalen Einzelhandel sind die Preise in Serbiens erstem Sozialmarkt. Auf Initiative der kleinen Handelskette „Jabuka“ und des Verbands der unabhängigen Gewerkschaften öffnete der SOS-Market vergangene Woche seine Pforten. Einkaufsberechtigt sind Beschäftigte, die mit dem Minimallohn von 160 Euro über die Runden kommen müssen, Pensionisten mit einer Rente von weniger als 210 Euro, Sozialhilfeempfänger und Flüchtlinge.

„Die Zeiten sind hart – und die Rezession bekommen gerade die am meisten zu spüren, die ohnehin am wenigsten haben“, erklärt Ladenchef Ljubisa Ivanovic den Sinn des Projekts. 30 von 32 Jabuka-Lieferanten hätten sich bereit erklärt, den Sozialmarkt zu beliefern: „Die Gewinnmargen sind so niedrig, dass die Waren auch für Arme erschwinglich bleiben.“ 10.000 Berechtigungsscheine hat Jabuka in den ersten drei Tagen ausgegeben, 40.000 weitere sind gedruckt. Vier zusätzliche SOS-Läden sollen demnächst in Belgrad eröffnet werden, danach soll das Projekt auf andere serbische Städte und Bosnien ausgeweitet werden.

Die Auswirkungen der Krise bekommen die Bewohner der Balkanstaaten nun stärker zu spüren. Nationale Sparprogramme und Auflagen des IWF treffen die Schwachen am härtesten. Verelendung und soziale Spannungen drohen, das ohnehin starke Gefälle zwischen Arm und Reich nimmt zu: Vor dem Absturz in die Armut ist auch der kleine Mittelstand nicht gefeit. Selbst in den reicheren Staaten der Region fällt es den einkommensschwachen Schichten angesichts sinkender Sozialleistungen immer schwerer, über die Runden zu kommen: Auch in Sloweniens Hauptstadt Ljubljana (Laibach) haben Wohlfahrtsverbände vergangene Woche den ersten SOS-Shop des Landes eröffnet.

„Es gibt keine Krise“, vermeldet am nächsten Tag ebenso bitter wie verblüfft das Boulevardblatt „Press“: Schon am ersten Tag der Automesse seien Autos im Wert von zwei Millionen Euro verkauft worden – fast ausschließlich Limousinen der Luxusklasse. Die Kaufkraft eines Zehntels der Bevölkerung sei kräftig gestiegen, während die der restlichen 90 Prozent im freien Fall sei, erklärt der Ökonomieprofessor Danijel Cvijeticanin Serbiens paradoxen Nachfrageboom nach Nobelkarossen.
 
Probleme durch Dinar-Verfall

Der Großteil von Serbiens Millionären wohnt in Belgrad. Doch wie bei den EU-Nachbarn Rumänien und Ungarn machen die Folgen der Krise auch in Serbien den ohnehin sehr knapp kalkulierenden Familien stets stärker zu schaffen. Der Kursverfall des Dinar, der gut ein Viertel seines Wertes verloren hat, hat die Kosten für die Raten der in Euro oder Franken abzustotternden Kredite nach oben getrieben. Mit satten Preisaufschlägen für Strom, Heizung und den Nahverkehr heizen öffentliche Betriebe die Inflation kräftig an. Zu sinkenden Reallöhnen und explodierenden Preisen gesellt sich die wachsende Furcht um den Arbeitsplatz. Monatlich vergrößert sich das Heer der Arbeitslosen um 10.000. Dabei ist landesweit schon jetzt fast jeder vierte Arbeitsfähige ohne Job, im strukturschwachen Süden ist gar jeder zweite nicht beschäftigt. Doch wie den Nachbarländern steht auch dem Sieben-Millionen-Einwohner-Land das Schlimmste wohl noch bevor.

Die Folgen der Krise hätten bisher vor allem die Töchter internationaler Konzerne zu spüren bekommen, die heimischen Unternehmen mit voller Wucht aber noch gar nicht erreicht, sagt Slavko Vlaisavljevic, der Vizechef der Gewerkschaft UGS. Besorgt spricht er von einer „angespannten Lage“: „Ich fürchte soziale Unruhen. Denn die Krise wird hier katastrophale Auswirkungen haben.“ Die Auftragsbücher der meisten Firmen sind leer. Und die sinkenden Steuereinnahmen sorgen auch im geplünderten Staatssäckel für Ebbe.

Steuererhöhungen drohen

Mit Kreditzusagen von drei Milliarden Euro hat der Internationale Währungsfonds (IWF) der angeschlagenen Regierung in Belgrad zwar noch einmal aus der Patsche geholfen. Doch die IWF-Zeche für die Rettung vor dem Staatsbankrott dürfte die krisengeplagten Serben noch teuer zu stehen kommen. Für den Erhalt der Kredite muss Belgrad die Ausgaben drastisch reduzieren – und trotz Krise die Einnahmen nachhaltig erhöhen. So droht etwa die Einführung einer „Luxussteuer“ für über 60 Quadratmeter große Wohnungen.

Erst nach heftigen Protesten rückte die Regierung wieder von dem Plan ab, auch Pensionisten, die mehr als 126 Euro Rente beziehen, eine Solidarsteuer berappen zu lassen. Trotzdem wächst der Unmut in der Bevölkerung – vor allem gegen die Politiker. Die würden lieber andere den Gürtel enger schnallen lassen als es selbst zu tun, heißt es vielerorts. Mit neuen Steuern schütze die Regierung nur „sich und ihre Tatenlosigkeit“.

Quelle: diepresse.com