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„Selbstverschuldete Wohnungslosigkeit“: keine Aufnahme in der Wiener Wohnungslosenhilfe!

In den vergangenen Monaten häufen sich in Wien seltsam anmutende Berichte aus vielen betreuenden Einrichtungen: Wohnungslosen wird die Bewilligung für die Unterbringung in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe verwehrt, weil diese an ihrer Wohnungslosigkeit „selbst schuld“ sind.
Sie sind aus der überfüllten Wohnung Ihres Onkels ausgezogen, weil Sie es dort nicht mehr ausgehalten haben? - Selbst Schuld, Sie hätten vom Onkel aus doch gerne noch dort bleiben können! Sie haben Ihre unleistbare Wohnung gekündigt, bevor sie Mietschulden angehäuft haben? - Selbst Schuld, Sie hätten auf die Delogierung warten müssen! Solche und ähnliche Begründungen hören Menschen, die aufgrund akuter Wohnungslosigkeit in Notunterkünften untergebracht sind und versuchen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Keinen Anspruch auf Leistungen der Wiener Wohnungslosenhilfe zu haben, bedeutet auch, dass die Zeit der Nächtigung in einem Notquartier zeitlich befristet ist.
Das bedeutet: akute Obdachlosigkeit. Ohne Möglichkeit auf Unterstützung.
Einsprüche gegen diese Entscheidungen haben die äußerst problematische rechtliche Situation seit Einführung der Mindestsicherung wieder sichtbar gemacht. Dadurch, dass jedem/jeder MindestsicherungsbezieherIn der Wohnkostenanteil ausbezahlt wird, hat der Staat, in diesem Falle die Stadt Wien, ihre Schuldigkeit getan. Es gibt keinen Anspruch auf zusätzliche Leistungen im Bereich Wohnen – somit auch keinen Anspruch auf Unterbringung in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe.
Wenn somit die Entscheidungen des Beratungszentrums Wohnungslosenhilfe auch rechtens sind: Was bedeutet dies für die Betroffenen? Und: Was bedeutet dies für die Wohnungslosenhilfe insgesamt? Wie lange muss jemand, nachdem er „selbstverschuldet“ in Not geraten ist, in unwürdigen Verhältnissen leben (in überteuerten Massenunterkünften, auf Notbetten bei Bekannten, in illegalen Untermieten,…) bis kein „Selbstverschulden“ gegeben ist? Wie schwer muss die psychische Belastung sein, wie hoch potenziert müssen sich die Problemlagen haben, dass man aus unwürdigen Abhängigkeiten fliehen darf? Was bedeutet es für die Dauer des Aufenthalts in der Wohnungslosenhilfe, wenn Menschen nicht zu Beginn ihrer Wohnungslosigkeit adäquate Hilfe bekommen, sondern erst dann, wenn sich die Situation manifestiert bzw. verschlimmert hat?
Je länger die Krisensituation anhält, umso mehr Probleme häufen sich, die dann nur mehr mit intensiver professioneller Hilfe langsam gelöst werden können. Der Rehabitationsprozess verlängert sich. Im schlimmsten Fall führt die spät einsetzende Unterstützung dazu, dass zwischenzeitlich entstandene psychische und physische Erkrankungen die Lösung aus dem Hilfesystem langfristig unmöglich machen. Schnelles, professionelles Eingreifen in Notsituationen ermöglicht jedoch den Erhalt und die Nutzung von „Selbstheilungskräften“ der Betroffenen. Nachhaltige Stabilisierung und rasche Verselbstständigung außerhalb des Hilfesystems werden dadurch möglich.
Wir appellieren an die Verantwortlichen in Wien, dem Ruf der Stadt als „soziale Vorzeigestadt“ gerecht zu werden. In den ambitionierten Planungen für zukünftig schnelle Unterstützung von Wohnungslosen im Rahmen von „housing first“ dürfen die Menschen, die gegenwärtig Unterstützung brauchen, nicht vergessen werden.