Offener Brief zur aktuellen Obdachlosendebatte in Salzburger Medien und Politik

Das Salzburger Phänomen, dass Obdachlose Wehrtürme am Salzburger Kapuzinerberg bewohnen, beschäftigt derzeit wieder einmal die Salzburger Bevölkerung. Das Forum Wohnungslosenhilfe nimmt hier Stellung:

Salzburg, am 16.10.2009
Alle Jahre wieder wird, spätestens bei Einbruch der kalten Jahreszeit, der Ruf nach einer zusätzlichen Notschlafstelle laut: Noch niederschwelliger soll sie sein und noch mehr Kapazität für die temporäre Unterbringung von obdachlosen Personen anbieten. Regelmäßig wird dabei vergessen, dass es in Salzburg eine ganze Reihe von professionell geführten Einrichtungen gibt, die sich zum einen um die Wiedereingliederung der von Wohnungslosigkeit bedrohten oder betroffenen Personen bemühen und zum anderen konkrete Praxiserfahrungen vorweisen und solcherart Auskunft darüber geben können, welche fachlichen Rahmenbedingungen erforderlich sind, um diese Aufgaben zu erfüllen.
Vor dem Erfahrungshintergrund der Wohnungslosenhilfe (WLH) erweist sich die (tagespolitisch motivierte) Forderung nach einer Not-Notschlafstelle als denkbar kurzschlüssig, die auch durch regelmäßige Wiederholung keineswegs plausibler wird. Der Ausbau der Notunterbringungskapazitäten geht an den vielfach belegten Praxiserfahrungen schlichtweg vorbei und zeichnet sich durch Missachtung der Problemlagen und Bedürfnisse von Menschen in extremen Wohnungsnotlagen aus. Ein paar Betten mehr stellen keine nachhaltige Verbesserung der Versorgungssicherheit dar und bieten weder auf kurz- noch mittelfristige Perspektive einen Ausweg aus der aktuell, unter mehreren Gesichtspunkten, sehr unbefriedigenden Problemstellung. Langfristig gesehen sind Notlösungen mit unzureichenden Standards schlichtweg kontraproduktiv, zumal diese bestenfalls dazu führen, Obdachlosigkeit zu verfestigen.

Problemfeststellungen aus der Sicht der WLH

Mangelverwaltung statt zielgruppenspezifisch differenzierter Hilfe
Die Wohnungslosenhilfe Salzburg ist aktuell nur sehr unzureichend ausgebaut. Wichtige Spe-zialangebote etwa für die Zielgruppe Jugendlicher und junger Erwachsener in prekären Wohnverhältnissen, für weibliche Wohnungslose sowie für psychisch Kranke in Wohnungsnot fehlen zum Teil oder überhaupt zur Gänze. Die Versorgung von wohnungslosen Menschen obliegt damit eher undifferenzierten Betreuungseinrichtungen, in denen sich junge und ältere, männliche und weibliche Wohnungslose mit unterschiedlichen Problemkonstellationen mischen. Die vorhandenen Einrichtungen sind dadurch nur ungenügend in der Lage, bedürfnisorientierte und realistische Vermittlungsperspektiven in (bei Bedarf betreuten) Wohnraum zu eröffnen, respektive zu realisieren.
Anstelle einer systematischen Bekämpfung und Beseitigung von Obdach- und Wohnungslo-sigkeit ist stattdessen festzustellen, dass das Ausmaß der Wohnungslosigkeit in Salzburg kontinuierlich ansteigt. Seit dem Jahr 1998 hat das Ausmaß der Wohnungslosigkeit in Salz-burg um 50% zugenommen.

Status Quo statt planmäßiger Standard- und Angebotsentwicklung
Die Agenden der WLH-Planung und die Verwaltung der ausgewiesenen Finanzen für die Hilfestellungen für wohnungslose Menschen liegen beim Land. Seit Jahren bereits ist das Budget für Wohnungslosenhilfe eingefroren. Innovative Ansätze für die Betreuung von wohnungslosen Menschen können laut Sozialplanung nur realisiert werden, wenn in anderen Versorgungsbereichen gespart wird. Unter diesen Vorzeichen müssen immer mehr woh-nungslose Personen mit gleichbleibenden personellen Ressourcen betreut und versorgt werden. Diese Rechnung kann nicht aufgehen und erweist sich unter volkswirtschaftlichen Ge-sichtspunkten als kontraproduktiv. Als besonders belastend und innovationshemmend hat sich in den vergangenen Jahren die Strategie der Sozialverwaltung des Landes erwiesen, wonach die Angebote der Wohnungslosenhilfe und der psychosozialen Versorgung strikt voneinander getrennt werden. Den Einrichtungen der WLH ist es nur in Ausnahmefällen erlaubt, Wohnungslose mit akuten psychiatrischen Diagnosen zu betreuen. Einrichtungen an der Schnittstelle zwischen Psychiatrie und/oder Suchthilfe auf der einen Seite und der WLH andererseits gibt es jedoch nicht. Unter anderem auf diese – in fachlicher Sicht kontraproduktive – Trennung der Hilfebereiche ist es auch zurückzuführen, dass es in Salzburg keine bzw. nur sehr unzureichende Angebote für mehrfach belastete Personen gibt, die also nicht nur unter akuter Armut sondern auch psychischen Erkrankungen und/oder Abhängigkeitserkrankungen leiden. Insbesondere dann wird es zu einem dringlichen Versorgungsproblem, wenn diese akuten Belastungen mit fehlender Krankheitseinsicht oder gar vehementem Widerstand gegen Medikamentierung und/oder psychosozialer Betreuung kombiniert sind. Diese Personen haben dann letztlich nur die Möglichkeit, jeweils für wenige Nächte pro Jahr in einer Notschlafstelle unterzukommen.
Notschlafstellen erweisen sich jedoch für diese Personengruppe als überfordernd und auf mittlere Sicht als definitiv ungeeignet, zumal sie in Ermangelung problemspezifischer Angebote kaum in der Lage sind, sie zu vermitteln.
Weiters fehlen in Salzburg ausreichende Angebote des betreuten Wohnens ohne Aufenthaltsbefristungen, langfristige Modelle der Wohnbetreuung sowie nachgehende Beratungs- und Betreuungsangebote wie Streetwork sowie nachgehende Betreuung im geförderten Wohnungsbestand (Gemeindewohnungsmarkt).

Eingeschränkter Zugang zu leistbarem Wohnraum behindert eine systematische Ablöseorientierung in der WLH
Leistbarer (Nachfolge)Wohnraum zur Bewältigung von existenziell bedrohender Wohnungslosigkeit ist in Salzburg bekanntlich Mangelware und nur unzureichend gewährleistet. Die WLH kann weder auf ein Kontingent zur Vermittlung zurückgreifen, noch bei der Vergabe geför-derter Wohnungen mitwirken. Eine mittelfristige ambulante Betreuung und Hilfestellung zur Stabilisierung selbstständiger Wohn- und Lebensformen steht ebenfalls aus. Systematische Rehabitation ist in der Salzburger WLH nur unzureichend gewährleistet.

Vorsorgen für eine wissensgeleitete WLH-Planung fehlen bislang zur Gänze
Wiederholt wurde in den vergangenen Jahren darauf hingewiesen, dass eine qualitative Untersuchung der Aufgabenbereiche der Wohnungslosenhilfe (zielgruppen- und problemspezifisch differenziert) fehlt. Das Forum WLH hat kürzlich (wieder einmal) ein Konzept für eine qualitative Vertiefung der aktuell anstehenden Wohnungslosen-Erhebung (10/09) eingereicht, eine Antwort darauf steht derzeit noch aus. Von Interesse wäre in diesem Zusammenhang natürlich auch eine systematische Evaluation der zuständigen Sozialverwaltungsabteilung und deren Leistungen für die (Standard- und Angebots)Entwicklung in der WLH. Darauf muss wohl noch lange gewartet werden.

Das Forum Wohnungslosenhilfe ist ein Netzwerk von Trägern der Wohnungslosenhilfe sowie von Einrichtungen der psychosozialen Versorgung im Bundesland Salzburg (und ist vertreten in der BAWO). Folder des Forum Wohnungslosenhilfe

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