„Die Soziale Frage neu stellen“

Die andauernden Diskussionen zur Reform der Bedarfsorientierten Mindestsicherung (zukünftig: „Sozialhilfe“) behandeln nur ein Symptom einer insgesamt viel umfassenderen Veränderung im österreichischen Sozialsystem, welche so noch zu selten angesprochen wird.
Der Umbau des Sozialstaates wird momentan nämlich vor allem auf dem Rücken von geflüchteten Personen bzw. im Zusammenhang mit der Thematik der Migration behandelt, nicht zuletzt deshalb, damit die grundlegenden Änderungen, die gewissermaßen alle Bürgerinnen und Bürger Österreichs betreffen (werden), weniger auffallen. Stephan Lessenich, Soziologe an der Universität München und langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, wird in seinem Vortrag „Sein oder Nicht-Sein: Die sozialen Voraussetzungen der Demokratie“ am ersten Tag der BAWO-Fachtagung eben diesen großen Linien der Veränderung des (europäischen) Sozialstaates nachspüren und die Diskussion darüber eröffnen, wie wir damit umgehen wollen und sollen.
Bereits vor zehn Jahren hat Lessenich in seinem Artikel „Die ,fünf Giganten‘ – Gegenwart und Zukunft des Sozialstaates“ auf die Herausforderungen hingewiesen, die auf den Sozialstaat zukommen werden (und heute wie damals eigentlich schon Realität in Europa sind bzw. waren): „An unterschiedlichen Orten der Gesellschaft – in der Mitte wie an den Rändern, im verunsicherten FacharbeiterInnenmilieu wie im expandierenden Niedriglohnsektor, in prekären Wohlstandslagen wie im „abgehängten Prekariat“ – erhalten die sozialen Fragen gegenwärtig eine Dringlichkeit, eine Dynamik und eine Relevanz, wie sie ihnen zuletzt vielleicht tatsächlich vor über einem halben Jahrhundert, an der Schwelle zum Zeitalter der langen Nachkriegsprosperität, zu eigen waren“, so schreibt Lessenich im vorliegenden Artikel -  die ideale Anknüpfung und Einstimmung auf die kommende BAWO-Fachtagung:
Stefan Lessenich, „Die ,fünf Giganten‘ – Gegenwart und Zukunft des Sozialstaates“