Anders und doch so gleich - Migrantinnen in der Wohnungslosenhilfe

Was passiert, wenn der Sozialstaat nicht greift, das Netz nicht hält, die Gesetze und rechtlichen Sicherungsmechanismen ungenügend oder unklar sind? Wo landen Menschen, die sich irgendwo in der Welt zu uns auf den Weg gemacht haben, um ein besseres Leben führen zu können? Was passiert mit Mädchen, die aufgrund religiöser und traditioneller Zwänge zur Heirat genötigt werden? Gelingt es ihnen nicht in der Gesellschaft Fuß zu fassen, landen sie früher oder später in einer der zahlreichen Beratungsstellen oder Notquartiere der Wohnungslosenhilfe. Diese Fragen und Problemfelder, die Personen aus anderen Kulturkreisen und Ländern, mit anderer Religionszugehörigkeit und Hautfarbe an uns herantragen, wurden Ende Juni auf der Frauen-Fachtagung der BAG Wohnungslosenhilfe in Göttingen (Deutschland) diskutiert. Sie sind vielfältig und zahlreich. Und oft sind MitarbeiterInnen der Wohnungslosenhilfe damit überfordert.

Werena Rosenke, stellvertretende Geschäftsführerin der BAG W und für den Fachausschuss Frauen zuständig, ist es gelungen den rund 70 Teilnehmerinnen in ihrem Tagungsprogramm eine bunte Mischung von Theorie und Praxis zu bieten. So skizziert etwa Sofie Eichner, Stadtplanerin aus Dortmund in ihrem Referat die unterschiedlichen Zielgruppen, deren Aufenthaltsbedingungen und Wohnungsnotfallrisiken. Regina Thiele, Sozialarbeiterin von der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot Berlin, berichtet aus ihrer Praxis, der Vielzahl von neuen Personengruppen, mit denen sie und ihre Mitarbeiterinnen befasst sind. Sie zeichnet ein Bild von einer sich verändernden Wohnungslosenhilfe und betont die Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit ExpertInnen von MigrantInnenberatungsstellen.

Halile Özdemir berichtet in ihrer Arbeitsgruppe vom Projekt Rosa in Stuttgart. Hier finden junge Mädchen, die von Zwangsheirat oder anderen Formen von Gewalt bedroht sind, in zwei Wohngemeinschaften Unterschlupf. Die Wahrung der Anonymität und der Sicherheit der jungen Mädchen und Frauen (bis 21 Jahren) ist mit vielen Anstrengungen verbunden. Die Familien dürfen nichts von ihrem Aufenthalt erfahren, die Zusammenarbeit mit den zuständigen Jugendämtern in den Bundesländern stellt eine Herausforderung dar.

Virginia Wangare-Greiner, Geschäftsführerin von Maisha e. V. in Frankfurt erzählt in ihrem Vortrag von der bunten Mischung von Menschen aus dem Vielvölkerkontinent Afrika. Gesundheit und soziale Isolation, Bildung, Erziehung und die Vermittlung zwischen den Kulturen sind die Themen in ihren Beratungen, die sie mit Unterstützung von über zwanzig ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen bewerkstelligt. Aus ihrer Erfahrung sind afrikanische Frauen in hohem Maß von Rassismus betroffen, weil sie ihre Herkunft nicht verstecken können. Sie und ihre Kinder sind psychisch und körperlich oft in schlechtem Zustand und haben keine oder mangelhafte Informationen über mögliche Hilfeleistungen.

Die Publizistin Hilal Sezgin betont in ihrem Schlussvortrag die Wichtigkeit, in jedem einzelnen Menschen, der uns begegnet, nicht die Rasse, die Herkunft und das Trennende zu sehen, sondern das Verbindende, das Individuelle. „Wir brauchen interkulturelle Kompetenzen“, meint sie und ergänzt: „Wir sollen allgemein mitmenschlich handeln, eigene Vorurteile hinterfragen und die Befangenheiten ablegen.“

Zusammenfassend haben wir festgestellt, dass viele Problemlagen, die in Deutschland an die Wohnungslosenhilfe herangetragen werden, sich mit den österreichischen decken. Andere waren uns fremd, wie zum Beispiel Russlanddeutsche. Hier wie da stehen wir am Beginn einer Diskussion. Verunsicherung, Wissenslücken und Berührungsängste machen sich bemerkbar. Auch in der Wohnungslosenhilfe ist von Aus- und Abgrenzung die Rede, es werden Zuständigkeiten diskutiert.

Eine Kollegin aus einer süddeutschen Stadt bringt die Unsicherheiten auf den Punkt: „Es kommen Busse aus Bulgarien zu uns mit zehn, zwanzig Menschen, die alle bei uns Hilfe suchen. Eine Person könnten wir noch unterbringen, was machen wir mit den restlichen 19?“ Ein andere Kollegin beschreibt eine Situation in einem Tageszentrum: „Da liegt etwa eine obdachlose Frau auf einer Liege und will sich für ein paar Minuten ausruhen. Neben ihr sitzen fünf türkische Frauen und unterhalten sich, während ihre Kinder am Boden spielen. Die ruhende Frau beschwert sich über die anderen. Es entstehen Kämpfe um den Platz und das Angebot.“

Platz, Angebot und finanzielle Ressourcen sind auch in der Wohnungslosenhilfe begrenzt. Wir können uns der Herausforderung stellen, indem wir ihr offen begegnen und rechtzeitig mitsteuern. Hilfreich ist es, sich andere Hilfesysteme und die Unterstützung von ExpertInnen zu holen und den eigenen Wissenshorizont zu erweitern. Hilal Szegin meint abschließend: „Wir sollten schauen, ob Konflikte tatsächlich kulturell bedingt sind, oder ob nicht rechtliche und soziale Hürden dahinter stehen.“

Wir Sozialarbeiterinnen vom BAWO-Frauenarbeitskreis betrachten es daher als Notwendigkeit, Migrantinnen in die Wohnungslosenhilfe zu integrieren und geeignete Ideen und Konzepte dafür zu entwickeln.

Elisabeth Corazza und Elvira Loibl